]> Maya Wendler, Horst Rode: Bildung für nachhaltige Entwicklung Baden-Württemberg Bayern Brandenburg Hessen Mecklenburg-Vorpommern Niedersachsen Nordrhein-Westfalen Rheinland-Pfalz Saarland Sachsen Sachsen-Anhalt Schleswig-Hollstein Thüringen Berlin Bremen Hamburg

Erläuterung

Im Rahmen der quantitativen Studie wurden insgesamt 5703 Anbieter per Email kontaktiert. 1666 füllten den Fragebogen bis mindestens einschließlich Frage 14 aus, was einer Rücklaufquote von gut 29% entspricht. Die Verteilung der Befragten auf die Bundesländer reflektiert nur teilweise die Größe der Länder gemessen an deren Einwohnerzahl. Die meisten Befragten kommen aus Nordrhein-Westfalen (235), Bayern (224), Niedersachsen (196), Baden-Württemberg (163), Rheinland-Pfalz (141) und Hessen (126). Schlusslicht ist das Saarland mit 13 Anbietern.

Stellt man die Anzahl der befragten Anbieter mit der Einwohnerzahl des jeweiligen Bundeslandes in Beziehung, ergibt sich neben stehendes Bild. Spitzenreiter ist dann Bremen (hier kommen auf eine befragte Einrichtung 24514 EinwohnerInnen), gefolgt von Rheinland-Pfalz (28570), Hamburg (29051), Schleswig-Holstein (30152) und Brandenburg (32340). Eine vergleichsweise geringe Antwortdichte erreichen Sachsen-Anhalt (52930), Sachsen (54452), Bayern (55892), Baden-Württemberg (65948), Nordrhein-Westfalen (76311) sowie das Saarland (79256). Das vor zehn Jahren festgestellte Nordost-Südwest-Gefälle bezüglich der regionalen Verteilung von außerschulischen Umweltbildungseinrichtungen* scheint sich hier im Wesentlichen zu bestätigen. Die vergleichsweise hohe Rücklaufquote aus Rheinland-Pfalz ist wesentlich in der freiwilligen Hilfestellung eines Verbandes begründet, eigene Mitgliedsinstitutionen gezielt zu bitten, sich an der Befragung zu beteiligen.

* Giesel, K. D./ Rode, H./ Haan, G. de (2002): Umweltbildung in Deutschland. Stand und Trends im außerschulischen Bereich. Berlin u.a.

Hier geht es um die Frage, ob sich die Anbieter überhaupt mit der Thematik BNE auseinandersetzen. Die Befragten konnten mit „nein“, „ja, aber nicht sehr intensiv“ und „ja, öfter“ antworten.

Im Bundesdurchschnitt antworten die Befragten zu 31 % mit „nein“, zu 30 % mit „ja, aber nicht sehr intensiv“ und zu 38 % mit „ja, öfter“ (N=1546). Die länderspezifischen Unterschiede sind – wie die Grafiken zeigen – dabei zum Teil beachtlich.

Die Anbieter wurden gefragt, ob sie sich ein Leitbild gegeben haben. Bei 56% aller Befragten liegt das Leitbild schriftlich vor, weitere 21% haben ihr Leitbild noch nicht ausformuliert (N=1558). Wie die Grafiken zeigen, umfasst auch ein großer Teil dieser Leitbilder Aspekte Nachhaltiger Entwicklung.

Im offenen Frageformat wurde zusätzlich erhoben, um welche Aspekte Nachhaltiger Entwicklung es sich dabei handelt. Die Ergebnisse zeigen, dass der ökologische Aspekt deutlich vor allen anderen Aspekten mit über 62% Favorit ist. Mit weitem Abstand folgen Soziales (33%) und Ökonomie (24%). Aspekte wie Zukunft, Gerechtigkeit, die Verbindung zwischen Lokalem und Globalem oder Partizipation liegen jeweils deutlich unter 20%. Zu beachten ist hier, dass nur von 400 Anbietern Angaben zu den Einzelaspekten vorliegen.

Die Anbieter wurden im offenen Antwortformat gefragt, welche Bildungsziele sie mit ihrem Angebot verfolgen. Nur 24% aller Befragten (N=1528) berichten BNE als explizites Ziel oder zeigen Ansätze von BNE oder zumindest Bezüge zur Nachhaltigen Entwicklung in ihren Zielsetzungen oder ihrem Aufgabenverständnis.

Jeweils in einer 10 Punkte-Skala wurden im Fragebogen als Kernelemente der BNE die Verknüpfung sozialer, ökonomischer und ökologischer Aspekte, die Ausprägung der Interdisziplinarität, die Verbindung lokaler und globaler Gesichtspunkte sowie die Einbeziehung partizipativer Elemente erfasst. Diese 4 10-Punkte-Skalen wurden in einer Summenskala zusammengefasst. Als „deutlich ausgeprägt“ gilt, wenn mindestens 33 von 40 möglichen Punkten erreicht werden, ein Wert zwischen 29 und 32 zeigt an, dass Kernelemente „sichtbar“ und ein Wert zwischen 23 und 28, dass sie „auf mittlerem Niveau“ sind. Werte unter 22 wurden als „geringe“ Ausprägung der Kernelemente bewertet. Die Gruppierung ergibt sich aus den Quartilsgrenzen, d.h. rund ein Viertel aller Befragten erreicht 33 Punkte oder mehr, gut die Hälfte mindestens 29 Punkte usw.

Unter dem Begriff Nachhaltigkeitsmanagement werden Aspekte zusammengefasst, mit denen ein Anbieter institutionell eine Ausrichtung auf Nachhaltige Entwicklung dokumentiert. Insgesamt wurden 8 Merkmale erhoben, beispielsweise zu Konsumgewohnheiten oder der Gestaltung von Gebäuden und Gelände. Anschließend wurden die Ausprägungen „setzen wir bereits um“ pro Befragtem gezählt. Eine „weitgehende Umsetzung“ liegt vor, wenn 7 oder 8 Aspekte umgesetzt werden, bei 5 oder 6 umgesetzten Aspekten befinden sich die Anbieter „auf dem Weg“, „Ansätze von Nachhaltigkeitsmanagement“ lasen sich bei der Umsetzung von 3 oder 4 Aspekten erkennen, während 1 oder 2 umgesetzte Aspekte als „kaum vorhandene Ansätze“ bewertet wurden.

Eine weitgehende Umsetzung von Nachhaltigkeitsmanagement liegt bei 15% aller Befragten vor, 35% befinden sich auf dem Weg, 32% lassen Ansätze von Nachhaltigkeitsmanagement erkennen und bei 19% aller Befragten sind diese kaum erkennbar (N=1651).

Um einen Überblick über die generelle Ausrichtung der befragten Anbieter auf BNE zu erhalten, wurde aus den Fragebogendaten ein Indikator entwickelt, der maximal 5 Kriterien umfasst und damit sowohl inhaltliche als auch organisatorische Aspekte abbildet. Die einzelnen Kriterien wurden so definiert, dass sie jeweils von einer substanziellen Zahl von Befragten erfüllt werden können. Auf der anderen Seite war darauf zu achten, dass dennoch nur dann ein Kriterium als erfüllt gilt, wenn Aspekte von BNE oder Nachhaltiger Entwicklung deutlich sichtbar sind. Aufgenommen wurden folgende dichotomisierte Kriterien:

  • Beschäftigung mit BNE („ja, öfters“),
  • BNE/NE oder NE-Bezug in den Zielen oder im Leitbild verankert,
  • Berücksichtigung von Kernelementen der BNE (Summenskala ab 33 Punkten),
  • Umsetzung von Merkmalen des Nachhaltigkeitsmanagements (mindestens 5 von 8 möglichen Aktivitäten).
Unter dieser Voraussetzung erfüllen 165 (9,9%) aller befragten Anbieter alle 4 Kriterien des Indikators.

Schaut man sich die regionale Verteilung derjenigen Anbieter an, die alle 4 BNE-Kriterien erfüllen, zeigt sich, dass die Verteilung über die Bundesländer nicht ganz einheitlich ist: Den höchsten Anteil mit fast 15% weist Rheinland-Pfalz auf, gefolgt von Bayern mit gut 13%. Über dem Durchschnitt von 10% liegen noch Niedersachsen und Sachsen (je knapp 12%) und Sachsen-Anhalt (11%). Deutlich unter dem Durchschnitt bewegen sich Thüringen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen mit je rund 6%. Bremen ist das einzige Bundesland, in dem keine Einrichtung liegt, die mindestens 4 BNE-Kriterien erfüllt.

Die Operationalisierung der Inhalte erfolgte mit insgesamt 44 Items, denen mit 0 bis 3 Punkten auch eine Bedeutung innerhalb der Gesamtangebote zugewiesen werden konnte. Die einzelnen Items wurden zu vier inhaltlichen Blöcken zusammengefasst:

  1. Natur und Technik (11 Items, z.B. Natur und Artenschutz; Energie; Klimawandel; umweltfreundliche Technik für Handwerk und Produktion)
  2. Gesellschaft, Politik und Wirtschaft (20 Items, z.B. Konsum und Lebensstile; Weltwirtschaft, Globalisierung; Armut und Verteilungsgerechtigkeit; Geschlechterfragen)
  3. Ernährung und Gesundheit (7 Items, z.B. Ernährung; Bewegung und Entspannung; Umwelt und Gesundheit; gesundheitliche Chancengleichheit)
  4. Kultur und Philosophie (6 Items, z.B. regionale Identität; Bildende Kunst und Musik; Erleben des Naturschönen; Spiritualität und Ethik).
Um einen tieferen Blick auf die inhaltlichen Strukturen der Angebote zu werfen, wurde das Verfahren der Mixed-Rasch-Modellierung (MRM) angewandt, das innerhalb der Antworten nach Rasch-skalierbaren (d. h. eindimensionalen) Mustern sucht, denen sich die Befragten zuordnen lassen. Das Verfahren MRM gliedert im Ergebnis die Gesamtpopulation der Befragung in 4 Gruppen, die sich an Hand der einzelnen Item-(Inhaltsaspekt-)Ausprägungen unterscheiden und beschreiben lassen:
  • Gruppe 1 als mit Abstand größte Gruppe (37% aller Befragten, N=1415) hat einen deutlichen Schwerpunkt im Inhaltsbereich „Natur und Technik“. Die übrigen Bereiche, insbesondere „Gesellschaft, Wirtschaft, Politik“ fallen demgegenüber in ihrer Bedeutung weit zurück. Einzig im Inhaltsbereich „Kultur und Philosophie“ gibt es mit dem „Erleben des Naturschönen“ noch einen weiteren kleinen Schwerpunkt.
  • Gruppe 2 ist wesentlich kleiner (26%) und zeigt über alle Items mittlere Ausprägungen mit einer leichten Betonung des Inhaltsbereichs „Gesellschaft, Wirtschaft, Politik“.
  • Gruppe 3 als zweitkleinste Gruppe (20%) weist besonders den Items der Inhaltsbereiche „Gesundheit und Ernährung"“sowie „Kultur und Philosophie“ Bedeutung zu.
  • Gruppe 4 als kleinste der vier hier identifizierten Befragtengruppen (16%) weist ein inhaltlich sehr breites Spektrum auf und misst auch vielen Items des ansonsten eher unterrepräsentierten Inhaltsbereichs „Gesellschaft, Wirtschaft, Politik“ größere Bedeutung zu. Obwohl aufgrund der Daten keine Aussagen über die Verknüpfung der verschiedenen Inhaltsaspekte möglich sind, ist am ehesten in dieser breit orientierten Gruppe damit zu rechnen, dass die inhaltlichen Anforderungen der BNE erfüllt werden.
Diese Struktur ist nicht gänzlich unabhängig von den institutionellen Hintergründen der Anbieter. Auch wenn die Abgrenzung der verschiedenen Verteiler, die in der Befragung eingesetzt wurden, Unschärfen hat, so verweisen einige Korrelationen zwischen den Zuordnungswahrscheinlichkeiten und der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Verteiler auf potenzielle inhaltliche Schwerpunkte bestimmter Anbieterkreise. So wird eine Zugehörigkeit zur Gruppe 1 (Schwerpunkt Natur und Technik) wahrscheinlicher, wenn der Anbieter aus den Verteilern „ANU“ (r = .36, p = .000, N=1423) oder „Naturschutzverbände“ (r = .21, p = .000, N=1423) stammt. Die Wahrscheinlichkeit einer Zuordnung zu Gruppe 2 (mittlere Ausprägungen mit Vorteil Gesellschaft, Wirtschaft, Politik) steigt bei der Zugehörigkeit zum Verteiler „Globales Lernen“ (r = .47, p = .000, N=1423). Eine fast genauso deutliche Beziehung besteht zwischen der Zugehörigkeit zum Verteiler „Volkshochschule“ und der Zugehörigkeit zu Gruppe 3, bei der die inhaltlichen Schwerpunkte im Bereich Gesundheit und Ernährung sowie Kultur und Philosophie zu beobachten sind (r = .44, p = .000, N=1423). Im Gegensatz dazu weist Gruppe 4 (breite inhaltliche Aufstellung) keine klaren Korrelationen zu den einzelnen Verteilern auf. Setzt man die Struktur der Inhaltsaspekte mit dem BNE-Indikator in Beziehung, so zeigt sich, dass die Anbieter, die mindestens 4 Kriterien erfüllen, mit 31% in der Gruppe 4 überdurchschnittlich stark vertreten sind. 38% fallen in Gruppe 1, 19% in Gruppe 2 und 12% in Gruppe 3. Insgesamt geht demnach eine deutliche Verankerung von BNE überdurchschnittlich mit einer großen inhaltlichen Breite einher. Dennoch bleibt ein beachtlicher Teil der Anbieter trotz günstiger Voraussetzungen in einer eher traditionellen inhaltlichen Schwerpunktbildung verhaftet, was angesichts des interdisziplinären Anspruchs der BNE bedenklich erscheint. Beim Ländervergleich fällt auf, dass in den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen Anbieter mit dem Schwerpunkt im Bereich „Gesellschaft, Politik, Wirtschaft“ deutlich überrepräsentiert sind, während Einrichtungen mit Umweltschwerpunkt vergleichsweise weniger vorhanden sind.

Die Anbieter wurden gefragt, ob sie mit politischen Akteuren, Kommunen oder Unternehmen im Dialog stehen, wenn es in wichtigen Entscheidungen um Fragen Nachhaltiger Entwicklung geht. Die Antwortmöglichkeiten waren „ja, wir werden um Rat gefragt“, „ja, wir ergreifen selbst die Initiative“ und „nein“. Außerdem war es möglich, beide bejahenden Antworten anzukreuzen.

Während 56% aller Befragten nicht in den politischen Dialog eingebunden sind, berichten 10%, dass sie um Rat gefragt werden, 20%, dass sie selbst die Initiative ergreifen und 14%, dass beides zutrifft (N=1651).

Einrichtungen, die im Sinne der BNE innovativ sind, sind eher in den politischen Dialog eingebunden als die übrigen: 40% der Anbieter, die alle Kriterien des Indikators erfüllen, geben an, in Fragen Nachhaltiger Entwicklung sowohl um Rat gefragt als auch selbst aktiv zu werden. Im Durchschnitt sind dies nur knapp 31%.

Zur Frage der Kooperation mit Ganztagsschulen äußern sich im Fragebogen immerhin 1241 Befragte. Davon kooperieren 40% mit Ganztagsschulen, 20% denken darüber nach und die verbleibenden 40% antworten klar mit „Nein“. Die länderspezifischen Unterschiede sind auch hier beachtlich. Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sind Länder, in denen jeweils über 50% der Befragten, die auf diese Frage antworten, mit Ganztagsschulen zusammenarbeiten, während es beispielsweise in Bayern nur 22% sind.

Über 42% der Anbieter mit Erfüllung aller 4 Kriterien des BNE-Indikators arbeiten mit Ganztagsschulen zusammen und unterscheiden sich damit klar von den übrigen Anbietern, die nur einen Anteil von knapp 29% erreichen.